Text: Simon Brunner, Gestaltung: Studio Edit
16.4.2024 (Aktualisiert am 21.1.2026)
Dipak Mane, was war der bisher wohl grösste Erfolg von Bühler India?
Dipak Mane (DM): Als wir 1993 mit Bühler vor Ort begannen, exportierte Indien rund 0.6 Million metrische Tonnen Reis. Heute sind es über 20! Diese Entwicklung ist natürlich nicht uns allein zu verdanken, aber unsere Rolle in der indischen Reisverarbeitung ist sehr zentral.
Wenn wir Ihre Kunden und Kundinnen in Indien fragen, würden sie sagen, Bühler sei eine indische Firma?
DM: Das ist gut möglich! Bühler India ist lokal sehr stark verankert. Wir sind hier, um für den Indischen und für Weltmarkt zu produzieren, wobei heute 75 Prozent unserer Produkte lokal abgesetzt werden. Unsere Spezialität ist, dass wir sehr nahe bei den Kunden sind und auf ihre Bedürfnisse eingehen. Aber die Swiss Quality schwingt mit: Man kann uns vertrauen und wir sind zuverlässig – das ist ein wichtiger Teil von unserem Brand.
Wie würden Sie die Bühler-Kultur in Indien umschreiben?
DM: In Indien und überall auf der Welt: Der Auftraggeber steht im Zentrum. In meinen 30 Jahren bei Bühler sind wir noch nie von einem Kunden weggelaufen. Und: Noch nie hatte ich das Gefühl, ich würde wegen meiner Herkunft, Hautfarbe oder wegen meinem Akzent diskriminiert. Das liegt vielleicht auch daran, dass Bühler von Anfang an global ausgerichtet war.
PG: Zur Kultur gehört auch, dass wir eine Ausbildungsfirma sind.
Erzählen Sie mehr!
PG: Bühler India hat 2009, dem Vorbild der Bühler Group folgend, ein Programm zur Ausbildung von Fachkräften eingeführt. Die Bühler Academy in Bengaluru fördert junge Nachwuchskräfte mit einer erstklassigen Berufsausbildung. Bis heute haben rund 200 Lernende die Akademie absolviert und rund 80 befinden sich in der Ausbildung. Alle Ausbildungsprogramme sind eine Kombination aus Theorie und Praxis. Den Lernenden stehen fünf verschiedene Basisprogramme, zudem eine Schweizer Lehre und ein Austauschprogramm zur Verfügung.
DM: Zum Lernen à la Bühler gehört auch, dass man immer wieder die Funktion wechselt. Schauen Sie mich an: Inder sind normalerweise CFOs oder CTOs in internationalen Firmen. Doch 2015 wurde mir die Personalabteilung übertragen. Mir! Einem hardcore Ingenieur! Aus Indien!
Reisen wir zurück in der Zeit: Dipak Mane, Sie waren von Anfang an dabei, als Bühler die erste Niederlassung in Indien eröffnete. Das war vor dreissig Jahren. Was ist Ihre Lieblingsanekdote?
Dipak Mane: Im Jahr 2000 trat Calvin Grieder das Amt als CEO von Bühler an [heute ist Grieder Verwaltungsratspräsident der Bühler Group, Anm. d. Red.]. Eine seiner ersten Auslandreisen führte ihn zu uns nach Bengaluru in Indien. Ein Kunde hatte gerade eine neue Anlage in Betrieb genommen, eine riesige, wunderschöne Reismühle. Calvin und ich besuchten sie. Da fragte er mich: «Dipak, wie viele dieser Mühlen können wir pro Jahr herstellen?». Ich sagte: «Eine!» Er fiel fast um. Zurück im Büro, begannen wir zu überlegen, wie wir kompaktere Mühlen entwickeln können. Darauf basierend formulierte Calvin später eine neue Strategie, bei der KMUs eine wichtige Rolle spielten. Das kam nicht überall gut an, aber hätte er das nicht getan, wäre Bühler – also die ganze Firma – heute in grossen Schwierigkeiten, da bin ich mir sicher, denn uns wäre viel Umsatz entgangen und die Möglichkeit, neue Produkte zu entwickeln. Die Konkurrenz hätte uns aus dem Markt gedrängt. Stattdessen haben wir den Umsatz seit damals verdreifacht!
Die Bühler Group eröffnete als eines der ersten internationalen Unternehmen eine Niederlassung in Indien – wie kam es dazu?
DM: Bühler wurde 1860 gegründet und war von Anfang an eine globale Firma. Nach der indischen Unabhängigkeit von 1947 gab es erste Kontakte zum Subkontinent, doch ausländischen Firmen war es erst ab 1991 erlaubt, Firmen mit Mehrheitsbeteiligung in Indien zu gründen. Und das nur, wenn sie in einem von fünf für das Land strategisch wichtigen Bereichen tätig waren – dazu zählte die Lebensmittelverarbeitung, in der Bühler bis heute führend ist. Anfänglich war ein Joint-Venture (JV) mit einer lokalen Firma notwendig, später war es Bühler erlaubt, den indischen Partner zu übernehmen.
Sie waren 1993 beim Spatenstich in Bengaluru (früher Bangalore) dabei. Heute ist die 14-Millionen-Stadt in Südindien ein globales IT-Zentrum. Damals aber gab es nur 13 exportierende Firmen in der Region – keine offensichtliche Wahl für einen internationalen Firmenstandort.
DM: (lacht) Ja! Wir wählten Bengaluru aus dem Grund, dass unser JV-Partner dort war. Ausserdem erhielten wir steuerliche Vergünstigungen und das Klima ist nicht so drückend wie sonst in Südindien. Bengaluru war ein absoluter Glückstreffer – heute werden genau dort unter anderem die höchsten Quadratmeterpreise in Indien erzielt.
Wie muss man sich die ersten Jahre von Bühler India vorstellen?
DM: Als wir starteten, gab es keine Festanschlüsse. Erst Jahre später, als der Mobilfunk kam, konnten wir telefonieren – wobei der Empfang oft nur auf dem Dach funktionierte. Und die Schotterstrasse, die zu uns führte, war nach jedem Regenfall unbrauchbar.
Wie kamen Sie beide zu Bühler? Im Indien der 1990er Jahre war die Schweizer Firma unbekannt.
DM: Ich lebte damals in Mumbai. Da stiess ich in der «Times of India» auf eine Annonce von Bühler. Ich bewarb mich und erhielt den Job. Meine Frau und ich reisten nach Bengaluru, doch dort gab es nur: eine grüne Wiese. Trotzdem fühlte es sich richtig an.
PG: Ich stiess fünf Jahre nach Dipak zu Bühler. Mein früherer Chef war ein ehemaliger Bühler-Mitarbeiter und schwärmte mir ständig von dieser Firma aus der Schweiz vor. Als ich ein Inserat sah, dachte ich: Nun will ich herausfinden, ob die wirklich so gut sind.
Was waren die grössten Hürden in den letzten 30 Jahren für Bühler India?
DM: Kundinnen und Kunden wollen das, was sie kennen. Die Kunst ist zu zeigen, dass sich etwas Neues für sie lohnt. Dann ist da die starke lokale Konkurrenz. Und: Die vielen Gesetze in Indien und die – in unserer Anfangszeit – prohibitiv hohen Importzölle von bis zu 100 Prozent.
Am 10. März unterzeichneten Indien und die EFTA-Staaten – die Schweiz, Norwegen, Island und Liechtenstein – ein Freihandelsabkommen. Wie ordnen Sie dies ein?
PG: Erstens ist es eines der modernsten Freihandelsabkommen der Welt, es umfasst nicht nur Zölle und Handel, sondern auch Abschnitte zu den Arbeitsbedingungen. Für Bühler India ist das Freihandelsabkommen ein Segen: Wir importieren Teile aus der Schweiz, auf die wir hohe Einfuhrsteuern bezahlen – die werden wegfallen. Teil des Freihandelsabkommens ist zudem ein Versprechen der EFTA-Länder, 100 Milliarden Dollar Direktinvestitionen in Indien zu tätigen. Die Zahl von Schweizer Firmen, die in Indien sind, wird dadurch stark zunehmen.
DM: Die Länder werden emotional näher zusammenrücken und den Austausch intensivieren; sei es zwischen Universitäten, Startup-Hubs oder Ausbildungsprogrammen.
PG: Die Schweiz kennt einen grossen Fachkräftemangel. Da können wir unterstützen: Früher produzierte man T-Shirts in Indien, unterdessen machen Firmen komplexe IT-Projekte in Bengaluru. Indien seinerseits kann viel von der Schweiz lernen, gerade in Ausbildungsfragen.
Sie beide waren stark in das Freihandelsabkommen involviert – wie kam das?
DM: Als Bundesrat Schneider-Ammann vor 16 Jahren erstmals nach Indien reiste, war ich in meiner Funktion als Präsident Südindien der Schweizerisch - Indischen Handelskammer dabei. Wir trafen einige indische Minister – doch es war klar, dass die Zeit noch nicht reif für ein Freihandelsabkommen war.
PG: Ich übernahm vor ein paar Jahren die Funktion von Dipak in der Handelskammer, so war ich bei der Unterzeichnung des Vertrages dabei. Was sehr spürbar war: die beiden Länder stehen sich nahe. Seit dem damaligen Besuch von Bundesrat Ammann sind tiefe und langwährende Beziehungen entstanden.
Wir planen, in den nächsten zwei bis drei Jahren rund 21 Millionen Franken zu investieren. Damit werden wir neue Geschäftsmöglichkeiten und Arbeitsplätze schaffen und gleichzeitig Lösungen für globale Herausforderungen wie Lebensmittel- und Ernährungssicherheit anbieten.
Sprechen wir über die nächsten 30 Jahre von Bühler India. Was sind Ihre Ziele?
PG: Die Bevölkerung in Indien nimmt weiter zu, wobei der Mittelstand überproportional stark wächst und damit auch die Kaufkraft. Parallel dazu erleben wir einen enormen Infrastrukturboom. Das alles wird unser Getreidegeschäft weiter beflügeln. Bühler India wird aber auch immer mehr in die elektrische Mobilität involviert sein. Derzeit sind 250 batteriebetriebene Busse in Bengaluru im Einsatz, weitere werden folgen, wie auch Taxis und der Privatverkehr.
DM: Auf der anderen Seite produzieren wir in Indien immer effizienter und viele Firmen auf der Welt wollen ihre Abhängigkeit von China verringern. Wir sehen eine Chance, den Exportanteil von Bühler India von heute 25 auf 50 Prozent zu steigern. Als Ganzes wollen wir unser Geschäft in den nächsten fünf Jahren verdreifachen. Und: Zu den Expansionsplänen von Bühler India gehört auch die Investition in neue Mitarbeitende vor Ort. Es ist geplant, in den nächsten zwei bis drei Jahren rund 300 Mitarbeitende einzustellen.
Der Schweizer Technologiekonzern feiert das 30-jährige Bestehen seiner Geschäftstätigkeit in Indien und kündigt nun den Ausbau seiner Produktions- und Konstruktionskapazitäten im Land an. Ziel ist das Wachstum in und ausserhalb Indiens. Bühler India stellt hochwertige Maschinen für die Getreide- und Lebensmittelverarbeitung primär für Kundinnen und Kunden in Indien und Afrika her. Das Geschäft von Bühler India ist in den letzten drei Jahren um mehr als 50% gewachsen. Heute arbeiten rund 800 Menschen für Bühler in Indien.