Berufsporträt Tech-Industrie Wenn CO₂ im Beton landet

CO₂ nicht nur vermeiden, sondern aus der Atmosphäre entfernen: Beim Start-up neustark arbeiten Ingenieurinnen daran, Klimaschutz technisch wirksam zu machen – direkt im Baustoffkreislauf.

23.1.2026

Ingenieurinnen, die CO₂ binden – statt es freizusetzen

Technik mit Wirkung – Negativemissionen aus Beton

Das Klimagas CO2 nicht nur vermeiden, sondern gar aus der Atmosphäre entfernen? Das gelingt mit der Technologie des Start-ups neustark. Die Firma nutzt Abbruchbeton, um CO2 zu speichern. Die beiden Ingenieurinnen Helena und Laura sind überzeugt, dass in ihrer Technologie viel Potenzial steckt. Und möchten einen effektiven Beitrag für mehr Klimaschutz leisten.  

Verfahrenstechnik für den Klimaschutz

«Ich wollte immer schon mit Technik etwas bewirken», meint Helena Wiemeyer. Die gelernte Ingenieurin in Verfahrenstechnik leitet beim Schweizer Start-up neustark das Engineering. Mit ihrem Team setzt sie Lösungen um, welche CO2 dauerhaft speichern. Das Resultat: Negativemissionen, überprüft nach dem Gold Standard.  

Ein Netzwerk für effiziente CO₂-Speicherung

Damit der Prozess möglichst effizient ist, setzt neustark auf ein Netzwerk. Auf der einen Seite befinden sich grosse CO2-Emittenten. Also zum Beispiel Biogasanlagen. Auf der anderen Seite mögliche Abnehmer. Aktuell sind dies primär Baustoffrecycler. Abbruchbeton ist der grösste Abfallstrom der Welt. Und er eignet sich, um das Klimagas CO2 über hunderttausende von Jahren zu speichern. 

Skalieren als grösste Herausforderung

«Unser Verfahren ist relativ einfach», meint Helena. «Unsere Herausforderung liegt vor allem darin, die Lösung zu skalieren». Eine erste Partnerin war die ara bern, eine der grössten Abwasserreinigungsanlagen der Schweiz. Dort wird unter anderem Biogas produziert. Anstatt überschüssiges CO2 in die Atmosphäre zu entlassen, wird es verflüssigt und an neustark verkauft.

Chemie, die dauerhaft bindet

Das CO2 wird dann zu einem Baurecycler transportiert, wo Abbruchmaterial mit CO2 verbunden wird. Beim chemischen Prozess reagiert CO2 mit Abbruchbetongranulat und wird als Kalkstein in den Poren sowie an der Oberfläche des Granulats gebunden.  

Motivation durch messbare Umweltwirkung

«Dass ich in meinem Beruf etwas für die Umwelt erreichen kann, ist eine grosse Motivation», erklärt Helena. In den kommenden Jahren möchte sie mit ihrem Team die Kundenbasis in der Schweiz und weltweit stark ausbauen und so ihrer Negativ-Emissionstechnologie (siehe Kasten) zum Durchbruch verhelfen.  

Von der Konstruktion zur Kreislaufwirtschaft

Die CO2-Speicherung von neustark läuft parallel zu den bestehenden Abläufen eines Baustoffrecyclers. Damit die mechanischen und chemischen Prozesse zusammenspielen, dafür ist unter anderen Laura Zellweger zuständig. Ihr ursprünglicher Berufswunsch ging in Richtung Architektur. Da sie aber keine Lehrstelle als Zeichnerin gefunden hatte, entschied sie sich für die Lehre als Konstrukteurin.  

«Ich hatte immer schon eine Vorliebe für technische Fächer», erklärt Laura. Zu neustark wurde sie geholt, weil sie sich über die Jahre ein grosses Know-how in der Implementierung von Ventilen, Stoffströmen und Leitungen angeeignet hat. Das macht sie bei Kundenprojekten zu einer gefragten Ansprechperson. Laura schätzt es, dass sie in ihrem technischen Job nicht nur ausführend tätig ist, sondern auch beratend ins Team eingebunden ist. 

Ich hatte immer schon eine Vorliebe für technische Fächer

Technik, Nachhaltigkeit und Berufswahl

Anstatt architektonische Bauwerke zu gestalten, hilft Laura heute also, die Kreislaufwirtschaft in der Bauwirtschaft weiterzubringen. Schülerinnen und Schülern rät sie, sich bei der Berufswahl auf ihre Interessen zu verlassen. «Teilweise musste ich mich auf meinem Weg etwas anpassen», meint Laura, ihren Bildungsweg habe sie aber nie bereut. «Im Gegenteil, in meinem Beruf kann ich meine Affinität für Technik und Nachhaltigkeit zusammenbringen.»  

 

Dein Einstieg in die Tech-IndustrieKonstrukteur/in EFZ

Du hast technisches Verständnis und zeichnest gern am Computer? Als Konstrukteur/in EFZ gestaltest du Geräte, Maschinen und Anlagen.

Negativemissionen als Zukunftsmarkt

Die Schweiz möchte die CO2-Emissionen bis ins Jahr 2050 auf null reduzieren. Dafür müsste auf fossile Brennstoffe ganz verzichtet werden. In einigen Bereichen ist der Ersatz jedoch schwierig. So zum Beispiel in der Luftfahrt oder bei einigen Hochtemperaturprozessen in der Industrie. Gefragt sind daher Ansätze, welche eine negative CO2-Bilanz aufweisen und so verbleibende CO2-Emissionen kompensieren können. Eine gängige Möglichkeit ist das Pflanzen von Bäumen. Sie entfernen während ihrer Wachstumsphase CO2  aus der Luft, indem sie Biomasse aufbauen. Die Entfernungsleistung von neustark ist zwar aufwändiger, kann sich im Vergleich aber sehen lassen. Wofür 50 Bäume ein Jahr brauchen, schafft eine Anlage von neustark in einer Stunde. Die CO2-Entfernungsmethode ist zertifiziert mit dem Gold Standard, der vom WWF und anderen internationalen NGOs ins Leben gerufen wurde.  

Die Branche der Negativ-Emissionen (Englisch: Carbon Dioxide Removal – oder auch kurz CDR) ist schnell wachsend. Neben den Ansätzen von neustark gibt es weitere Methoden, wie die Speicherung von CO2 in Basaltstein in der Erde (dies wird vom Schweizer Unternehmen Climeworks umgesetzt) oder die Herstellung von Pflanzenkohle.